Schnäppchenflug nach Syrakus

Das Handsymbol auf dem Bildschirm krallte sich zur Faust, griff sich das Superschnäppchen zur Einführung der neuen "Dachmarke des Vermarkters": einen Urlaubsflug für 4,99 Euro = 34,72 Euro mit allen Gebühren.

TuiFly-Rechnung
Flieger

Und am 20.04.2007 ging es dann pünktlich 10.00 Uhr von Schkeuditz aus nach Neapel, Ankunft 12.00 Uhr, Weiterfahrt um 21.00 Uhr mit der Fähre nach Milazzo. Denn die Seume-FreundInnen wollten sich auf dem Ätna treffen, um von dort aus zum gemeinsamen Heimradeln auf den Spuren des Dichters zu starten.

Napoli

Die neapolitanische U-Bahn scheint außer Betrieb zu sein. Um die Füße nicht gleich so sehr zu strapazieren, lese ich an der Molo Beverello in Delius' Spaziergang von Rostock nach Syrakus. Sein Saisonkellner Paul ignorierte Neapel, weil es ihm zu schmutzig erschien. Ein schweres Versäumnis, denn nur hier gibt es die wunderschöne und von vielen Reisenden-Generationen gerühmte Hafenausfahrt in der Dämmerung mit Blick auf die hell erleuchtete Stadt.

an Deck
Backbord

Heck
Stadt

Am Morgen kommt als erste Liparische Insel Stromboli in Sicht. Wenn es noch dunkel ist, sieht man manchmal bei der Anfahrt einige kleinere Ausbrüche des daueraktiven Vulkans. Am 21.4.07 herrschte starker Südwind, es war es schon hell vor Strombuli.

Anfahrt

Hafen
Suedseite

Lipari
Hafen

Lipari, die "deutsche" Insel, hier darf man mit der eigenen Benzinkutsche an Land und herumfahren, was auf den anderen liparischen Inseln Einheimischen vorbehalten ist.

Vulkano
Vulkan

Auf Vulkano raucht es. Dann geht die Fahrt weiter, mit diversen Halten auf den anderen Inseln, nach Milazzo in Sizilien. Mit der Bahn gelange ich nach Syrakus = Siracusa, wo ich abends im Agriturismo Capo Corso unterkomme.

Bauernhof
Ortiga

Apollo
Apolli 2

Die Altstadt Siracusas ist eine Insel: Ortigia stellt den Kern dar, in der Mitte die Reste des griechischen Apollo-Tempels. Die Stadt wurde um 734 v. Chr. von den Korinthern gegründet und erlebte ihre große Blüte als griechische Kolonie. Es war die wichtigste Stadt der Antike, die Heimat von Archimedes und Theokrit.
"Übrigens bin ich nicht nach Italien gegangen, um vorzüglich Kabinette und Galerien zu sehen", auch "nicht absichtlich, um das Unwesen der Regierung und der Möncherei zu sehen", sondern um "den Theokrit dort studieren" sei er nach Syrakus aufgebrochen, schreibt Seume.

Nymphe
Arethusa

Überraschend nah am Strand dann die Arethusa-Quelle, wo noch heute die pralle Quellnymphe verehrt wird. Der Stadtverkehr in Ortiga bleibt weitgehend ungeregelt. Jeder muß selbst wissen, mit welchem Verkehrsmittel er/sie sich in dieses nervenzerfetzende Chaos stürzt. Die Stadt Siracusa bietet einen kostenlosen Elektrobus an, der auf einem Rundkurs alle wichtigen Orte der Insel und einen Großparkplatz am Hafen anfährt.

Festung

Festung
Vorsicht

Die Kastell Maniace wird vom Militär immer mehr aufgegeben und für den Tourismus ausgebaut. Dann der archäologische Park der "Neustadt" mit Steinbrüchen sowie griechischem und römischem Theater.

Archaeo
griech

Im römischen Amphitheater gibt es einen schmalen Steg über ein Wasserbecken. Ja klar, die Krokodile waren immer hungrig, erklärt die hier wohnende Fremdenführerin einer rheinischen Besuchergruppe. Auf diesen Hügeln hing Seume mit dem Ritter Landolina herum und sie ergingen sich in Geschichtspessimismus. Und dort in den ehemaligen Steinbrüchen hat er herumgeunkt, was denn der Tyrann Dionys mit seinem Ohr alles hören konnte. (Ihn schlugen die Häscher, die Bande!) Weiter oben im griechischen Theater: "Oh, toll hier! Dat is ja wie im Müngersdorfer Stadion!" (meint die Gruppe aus dem Rheinland) Oder doch eher wie in den Langensteiner Felsenwohnungen? Rasenbank und Feengrotte.
 
Dionys

Floete
Hoehle

An einem Andenkenstand vor dem Sanctuarium Madonna delle Lacrime kaufe ich mir eine Art Hirtenflöte und tute damit an der Mole San Antonio herum. Die Einheimischen müssten sich an den Kopf fassen, sind aber derartiges längst gewöhnt.

Klangvoll fährst du dahin! dich kränzte Kalliope selber,
Aber bescheiden, ein Hirt, kehrst du zur Flöte zurück.
(Eduard Möricke)

Womit Theokrit gemeint war. Im übertragenen Sinne galt das auch für seinen Schüler Seume. Aber was könnte der uns heute bedeuten? In der DDR war die Sache klar: Fernweh, Tourismusentzug, Menschenreche. Doch was sagt uns der Dichter im Jahre des Herren 2007? Als akademischer Proletarier war er ein Stehaufmännchen, schrieb gegen die (zeitlose) Zwangsverprollung an: als Söldner, als unterqualifiziert Beschäftigter, als Sozialfall. Und zweifellos war er auch ein Wohlstandspatriot, siehe das Zitat mit dem Leipziger Stadtsoldaten im 'Sommer 1805'. Und seine heutige Anhängerschaft ist untereinander heillos zerstritten und mißgünstig. Alle paar Jahre bricht das Seume-Wanderfieber aus, Fußgänger, Radler und VW-Bleifüße touren durch Italien oder das Baltikum. Dabei produzieren sie Reiseimpressionen, wie ich jetzt. Klappern auf Laptops herum, kritzeln in Chinakladden oder Angeber-Terminkalendern. Naja.

Noto
Blick

Am nächsten Tag dann Noto, die Stadt für deren Besuch der Reiseführer einen Steinschlaghelm empfiehlt. Einmalige Barockfassaden werden mit EU-Geldern putzig restauriert.

Noto
Noto

Am Abend dann Abschied von Ortiga. Im Lorbeerhain die Konstante Syakus abhaken, ableiten, dritte Ableitung einer archimedischen Zahl. Doch Seume führte kein feuilletonistisches Dauergespräch mit einem atemlosen Zeitgeist. Es sind lange Briefe an Vertraute, den alten Schuster H., den wackeren M., an Johanna L. oder Wilhelmine R., wobei er keine Antwort erwartete.

Hafen

Die Guardia di Finanza fährt auf der Uferstraße Vittorio Emanuele II. mit blauen Kleinwagen Streife, damit keine unverzollte Konterbande angelandet wird. Doch die Angeber-Yachten spucken nur steil gewandete Partypeople aus. Ein Schlager- oder Filmsternchen posiert auf dem Bug einer erkennbar teuren Yacht für einen mit mehreren Kameras behängten Fotografen, derweil ein Assistent mit einem Blechtablett das Abendlicht auf sie lenkt. Weiter geht es auf der folgenden Seite zum Ätna und nach Rom...



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